Es kommt ein Schiff geladen

Gedanken zum 1. Advent von Studierendenpfarrerin Heike Steller-Gül

Es ist ein besonderes Jahr, die Corona-Pandemie bestimmt unseren Alltag: Masken und Physical Distancing, Händewaschen und Hygieneregeln, die täglichen Infektionszahlen und Inzidenzen, Zoom- und Senfcall-Meetings statt Vorlesungen und ESG-Abende in der Borsigstraße.  Die Gefährdungen des Lebens werden uns stärker bewusst, Krankheit und Tod sind gegenwärtiger als sonst. Viele Türen müssen wir schließen oder geschlossen bleiben.

Und nun Advent. Die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest haben begonnen – auch anders als sonst. Schön, dass viele gewohnte Traditionen bleiben. Wie in jedem Jahr steht der Adventskranz auf unserem Wohnzimmertisch, sein Schein erleuchtet die Dunkelheit und mein Herz. Und auch den Adventskalender gibt es, jeden Morgen kann dort eine Tür geöffnet werden. Auch in unserem digitalen ESG-Adventskalender könnt ihr euch an jedem Tag eine Tür zu einem besonderen Gedanken und einem Bild zum Tag öffnen lassen.

Für mich gehören seit meiner Kindheit die alten Adventslieder zu dieser Zeit. Tausendmal gehört, tausendmal gespielt auf Flöte und Klavier. Und dennoch entdecke ich in jedem Advent einen neuen Aspekt, einen neuen Gedanken, der mich berührt und mir Hoffnung gibt.

In diesem Advent ist es das alte Adventslied „Es  kommt ein Schiff geladen“ (EG 8). Daniel Sudermann gab es 1626 in seinem Straßburger Gesangbuch heraus, es entstand wohl spätestens im 15. Jahrhundert als Marienlied, vielleicht sogar unter Aufnahme eines Textes des Mystikers Johannes Tauler (1300 - 1361):

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Wenn ihr es hören wollt, findet ihr z. B. diese Chorfassung auf YouTube.

In diesem Jahr höre und singe ich das Adventslied neu im Kontext der Seenotrettung. Skandalös ist die Situation an den EU-Außengrenzen. Der Brand im Lager Moria auf Lesbos im September hat das noch einmal deutlich gemacht. Dennoch hält die Festung Europa an ihrer unmenschlichen Abschottungspolitik fest. Gut, dass die Kirchen da nicht schweigen – und handeln: Im August brach das Bündnisschiff Sea-Watch 4 von United4Rescue zu seinem ersten Rettungseinsatz im Mittelmeer auf, am 2. September konnten endlich 353 Gerettete vor dem Hafen von Palermo von Bord gehen.

In jedem Menschen in Not will mir Christus selbst begegnen – ob auf dem Schiff im Mittelmeer, an den Grenzen zu Land und zu Wasser, auf den Fluchtwegen des Südens oder in meiner Stadt, meinem Kiez, meinem Haus. Für sie mein Herz zu öffnen und solidarisch mit ihnen meine Gaben und Möglichkeiten einzusetzen gerade in diesen so besonderen Coronazeiten, darauf liegt Segen. Das ist Advent – aktive Erwartung der Ankunft des Kindes in der Krippe und gute Vorbereitung auf Weihnachten.

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