Die Nacht ist vorgedrungen

Gedanken zum 3. Advent von Studierendenpfarrerin Heike Steller-Gül

Die dritte Adventswoche hat begonnen, beim Adventskalender ist die Halbzeit überschritten, die meisten Türchen sind schon offen. Und auf dem Adventskranz leuchtet jetzt die Mehrheit der Kerzen. Es wird heller. Das zeigen auch die jüdischen Chanukka-Leuchter, die seit Ende letzter Woche leuchten, und die Lichter des heutigen Lucia-Tages. Bald ist Weihnachten, da wird die Nacht erhellt vom Glanz der Kerzen und der Engelschöre, die in unsere Herzen hineinleuchten und -singen wollen.

Wenn ich morgens aufstehe, ist es jetzt noch dunkel. Da fällt es mir schwer, in Schwung zu kommen. Aber wenn mir auf dem Weg zum ersten Kaffee der Herrnhuter Stern und die Schwibbögen an den Fenstern entgegenleuchten, dann macht mir das Mut in der Dunkelheit. Ich schöpfe Kraft, merke, dass ich aufatmen kann, gerade in diesem Advent, wo so vieles anders ist als sonst, beschwerlich und oft auch bedrückend. Die steigenden Infektions- und Totenzahlen, die Frage danach, wie es für uns als Gesellschaft, aber auch persönlich weitergeht und was kommen wird.

Neben den Lichtern ermutigen mich auch die Adventslieder. Eines davon möchte ich euch für die dritte Adventswoche mit auf den Weg geben. Der Text ist ein Gedicht von Jochen Klepper. Er, der für sich selbst in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte keinen anderen Ausweg mehr sah, als seinem Leben am 11. Dezember 1942 ein Ende zu setzen, hat mit seinen Texten vielen Menschen immer wieder Mut gemacht. Auch mir. Das Gedicht entstand am 18. Dezember 1937, ihr findet alle Strophen im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 16.

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Wenn ihr es hören wollt, findet ihr eine Chorfassung mit der ergreifenden Melodie, die Johannes Petzold 1939 komponierte, auf YouTube.

Wenn ich das Lied höre oder singe, geht es mir mitten ins Herz hinein. Es berührt mich in besonderer Weise und gibt mir Kraft. Es stärkt meine Hoffnung und macht mich gewiss, auf Gottes Verheißung zu vertrauen. Gott meint es gut mit uns und kommt uns im Advent freundlich entgegen. Gottes Glanz will in die Dunkelheiten und Bedrückungen unseres Lebens hineinleuchten und uns ermutigen, adventlich zu leben. Aufmerksam für die Nöte unserer Mitmenschen und solidarisch mit den nahen und fernen Nächsten.

Wenn ihr mögt, gebt doch heute oder in dieser Woche z.B. kontaktlos vor der Wohnungstür ein Licht an eure Nachbar*innen weiter – als kleinen Adventsgruß, der zwar von physischer, nicht aber von sozialer Distanz zeugt. Und ein Vorbote ist auf Weihnachten in besonderer Zeit. Kommt gut durch diese Woche – bleibt aufmerksam und gesund - und vor allem hoffnungsvoll!

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